50 Fuß - Wie mich kognitive Überlastung fast alles gekostet hätte und was das für Führungskräfte bedeutet

Mike Hoofdmann • 26. Juli 2026

Fünfzig Fuß über dem Deich südlich von Cuxhaven, mitten in der Nacht, schaute ich aus dem Cockpitfenster, um mich zu orientieren – und sah nichts. Nur Schwarz.


In diesem Moment war ich dem Abgrund näher als je zuvor. Und schuld war nur einer: ich. Ein Reflex Sekunden vorher, eine Entscheidung Stunden davor – beides hatte mich hierher gebracht.

Und das Beunruhigende daran ist nicht allein, dass ich überfordert war. Vielmehr die Tatsache, dass es sich nicht so anfühlte. Ich fühlte mich konzentriert. Entschlossen. Handlungsfähig. Souverän.


„Wir probieren's einfach"

Geplant war ein nächtlicher Übungstiefflug über der Deutschen Bucht. Das Wetter war weder gut noch wirklich katastrophal schlecht, eher diese unangenehme Grauzone, in der sich jede Entscheidung irgendwie schwer anfühlt. Mein Schüler war erfahren, der Lehrplan drängte, wir wollten loslegen. Also entschied ich mich fürs Fliegen – begleitet von dem üblichen, leicht beschwichtigenden „Wir probieren's einfach".


Ein kalkuliertes Risiko, dachte ich. Nicht ideal, aber vertretbar.


Was ich damals unterschätzt habe: Dieser Satz ist kein Abwägen. Er ist der innere Druck, der sich gerne als operativer Pragmatismus tarnt. Er beruhigt – und deshalb klingt er vernünftig.


Als niemand mehr auf das Ganze sah

Die ersten neunzig Minuten liefen wie geplant. Tiefflug über See, mein Schüler steuerte die Maschine, ich kümmerte mich um Navigation, Radar und Funk. Alles lief wie geplant. Ein nächtlicher Tiefflug über Wasser ist reiner Instrumentenflug – der Blick nach draußen hilft nicht, weil draußen nichts ist außer tiefem Schwarz.


90 Minuten waren um. Es war Zeit, den Rückflug anzutreten. Je näher wir der Küstelinie kamen, desto tiefer hingen die Wolken. Die Sicht wurde schlechter, wir sanken auf 200 Fuß. Mein Schüler war auf das Steuern konzentriert, ich auf das Radarbild – und keiner von uns bemerkte, dass die Wolkenuntergrenze weiter sank. Zwei Piloten, beide hochkonzentriert, beide auf ihre Aufgabe fokussiert. Und genau deshalb sah keiner das Ganze.


Druck: Er macht Sie nicht unaufmerksam. Er macht Sie hochaufmerksam – nur eben manchmal für das Falsche.

Wir erreichten die Küstenlinie – Landfall.


Der Reflex

Als ich im Augenwinkel sah, dass wir in die Wolken eintauchten, übernahm ich reflexartig die Kontrolle und leitete eine Sinkkurve ein, um wieder herauszukommen. Das Letzte, was ich wollte, war, über Land in dieser geringen Höhe in den Wolken zu sein. Denn hier draußen ragen viele Dinge aus dem Erdboden, die höher sind als 200 Fuß – Windkraftanlagen zum Beispiel oder Strommasten.


Meine Absicht auch hätte funktioniert – wenn ich dabei auf die Instrumente geschaut hätte.


Stattdessen tat ich das, was jeder Flugschüler in den ersten Stunden lernt zu unterlassen: Ich schaute nach draußen, aus dem Fenster. Suchte eine Referenz, die es nicht gab. In nur einem Augenblick war meine räumliche Wahrnehmung vollständig außer Kraft gesetzt.

Wir begannen zu sinken, immer schneller und immer tiefer. Meine mentale Last stieg in Bruchteilen von Sekunden so weit, dass ich nicht mehr klar denken konnte.


Der Höhenmesser rauschte durch 50 Fuß.


Ich hatte nicht gezögert. Schnell gehandelt, falsch gehandelt – und war mir dabei völlig sicher.


Was mich gerettet hat – und was nicht

Was mich oder besser gesagt uns, rettete, war nicht mein Können. Es war eine über Jahre trainierte Routine, die genau dann einsetzte, als mein Denken schon ausgestiegen war: Collective nach oben, Wings level, Maschine ausrichten, in eine stabile Lage bringen, Höhe gewinnen – um jeden Preis. Weg vom Boden. Dazu eine Crew, ein Instrument, das die nackte Zahl lieferte – und, ehrlich gesagt, ein Lichtstrahl am Horizont, den ich mir nicht verdient hatte. Die Beleuchtung der Kurgebiete am südlichen Rand von Cuxhaven, im Regen zu einem hellen senkrechten Finger verstärkt, den ich später den „Finger Gottes" nannte. Er gab mir die fehlende Orientierung zurück und Gewissheit, dass wir es gerade so geschafft haben.


Wir folgten der Küste, kamen nicht mehr zum Flugplatz zurück und landeten notgedrungen mitten im Hafen, der Tank fast leer. Die Landung war unspektakulär. Nach allem, was vorausgegangen war, war mir das jedoch herzlich egal.


Erwähnenswert ist, was an diesem Abend alles vorhanden war: Ausbildung, Crew Resource Management, Redundanz, Instrumente, eine zweite Person im Cockpit. Die Schutzmechanismen waren da. Sie konnten trotzdem nicht verhindern, dass meine Wahrnehmung in den entscheidenden Sekunden kippte.


Das System erhöhte meine Chance, den Fehler zu überleben. Entstanden war er aber in meinem Kopf.


Was kognitive Überlastung mit der Wahrnehmung macht

Kognitive Überlastung bedeutet nicht, dass wir aufhören zu denken. Sie bedeutet, dass unsere geistige Kapazität nicht mehr ausreicht, um Wahrnehmung, Bewertung und Handlung flexibel miteinander abzugleichen. Wir handeln weiter – nur ohne die Rückkopplung, die sonst prüft, ob das Handeln zur Lage passt.


Deshalb ist der gefährliche Verlust nicht der Verlust der Handlungsfähigkeit. Kognitive Überlastung nimmt uns nicht zuerst die Fähigkeit zu handeln. Sie nimmt uns die Fähigkeit, die Qualität unseres eigenen Handelns noch zuverlässig zu beurteilen.

Rückblickend lässt sich der Abend als Kette lesen. Der beinahe tödliche Fehler begann nicht bei 50 Fuß. Er begann Stunden vorher mit einer Entscheidung, die sich vernünftig anhörte, weil sie den inneren Druck beruhigte. Danach wurde mein Blick mit jeder zusätzlichen Aufgabe enger, bis aus einer bewussten Entscheidung ein Reflex wurde – und aus dem Reflex ein Sinkflug, den ich nicht mehr bewertete, sondern nur noch ausführte.


Innerer Druck. Beschönigte Entscheidung. Steigende Aufgabenlast. Verengte Aufmerksamkeit. Reflexhandlung. Verlust der Orientierung.

Kein einzelner Schritt dieser Kette fühlte sich falsch an. Jeder fühlte sich nach angemessener Reaktion an.


Woran sich die Verengung ankündigt

Wenn die Selbstbeurteilung als Erstes ausfällt, hilft es wenig, sich im entscheidenden Moment zur Aufmerksamkeit zu ermahnen. Denn die Instanz, die das leisten müsste, ist bereits beeinträchtigt.


Was hilft, ist, die Muster vorher zu kennen – so gut, dass sie auffallen, bevor man sie analysieren muss. Vier davon kehren bei mir und bei den Führungskräften, mit denen ich arbeite, immer wieder:

Eine komplexe Lage scheint plötzlich nur noch eine einzige, offensichtliche Lösung zu haben.

Widerspruch fühlt sich nicht hilfreich an, sondern störend.

Schnelles Handeln erscheint wichtiger als eine erneute Prüfung der Lage.

Abbruchkriterien werden umgedeutet, statt angewendet – „Wir probieren es einfach" ersetzt die belastbare Entscheidung.


Der letzte Punkt ist der wichtigste, und er verweist auf die einzige wirklich verlässliche Gegenmaßnahme: Man legt fest, wann Schluss ist, solange man noch klar denkt. Nicht mitten im Wetter. Nicht mitten in der Krise. Sondern vorher, schriftlich, überprüfbar – und dann hält man sich daran, gerade wenn es sich in dem Moment falsch anfühlt.



Genau das ist auch der Grund, warum mich am Ende Routine gerettet hat und nicht Einsicht. Was unter Überlast trägt, muss vorher eingeübt sein.


Was der Mann neben mir sah

Wie unsichtbar diese Verengung von innen ist, wurde mir erst vor Kurzem wieder klar. Ich habe mit meinem damaligen Schüler über diese Nacht gesprochen.


Er saß in jener Nacht neben mir im Cockpit, und seine Erinnerung an den entscheidenden Moment ist ein einziger Satz:


„Was zum Teufel macht Mike da?"


Für mich fühlte es sich in dieser Sekunde nach der einzig richtigen Reaktion an. Für ihn, der danebensaß und nicht unter derselben Last stand, war klar erkennbar, dass etwas nicht stimmte.

Ich konnte meine eigene Verengung nicht sehen – er schon. Von innen fühlt sich kognitive Überlastung nach Klarheit an. Sichtbar wird sie meist nur von außen.


Im Unternehmen ist es dasselbe – nur langsamer

Der Geschäftsführer, der die Warnzeichen kennt und trotzdem „es einfach probiert", weil der Markt drängt und alle loslegen wollen. Das Führungsteam, das unter Druck hochkonzentriert arbeitet – jeder auf seine Aufgabe – und dabei aufhört, das Ganze zu sehen. Der schnelle, entschlossene Griff, der sich nach Führung anfühlt und in Wahrheit ein Reflex unter Überlast ist.


Die Verengung ist im Cockpit in Sekunden sichtbar. In der Organisation dauert sie manchmal Wochen und trägt einen Anzug. Aber es ist derselbe Mechanismus – und dieselbe Tücke: Sie fühlt sich nicht nach Überforderung an, sondern nach Souveränität und Überblick.

In der Organisation heißt das: Die eigene Verengung erkennt selten der, der in ihr steckt. Sondern der, der danebensteht – vorausgesetzt, er darf es aussprechen.


Deshalb beginnt Selbstführung hier nicht mit mehr Härte gegen sich selbst oder andere. Härter zu werden hätte mich an jenem Abend nicht gerettet; ich war bereits maximal angespannt. Sie beginnt mit etwas Unspektakulärerem. Nämlich dem Wissen, dass die eigene Beurteilung genau dann unzuverlässig wird, wenn sie sich am sichersten anfühlt – und mit den Festlegungen, die man trifft, bevor es so weit ist.


Die Frage ist nicht, ob Ihnen das passiert. Die Frage ist, ob Sie es bemerken werden.


Ich bin danach weitergeflogen. Aber nie wieder mit der Einstellung „Wir probieren's mal".